Warum wird man von Alkohol aggressiv?


Warum verändert sich das Wesen eines Menschen unter Alkohol, obwohl wir ihn ein oder zwei Stunden zuvor als nüchternen, friedlichen und sehr freundlichen Menschen kennengelernt. haben? Warum werden Menschen unter Alkohol aggressiv, teils gewalttätig? Hierfür gibt es logische Erklärungen. Im Kundenkontakt können wir nicht immer sofort erkennen, mit welchen Menschen wir es zu tun haben.


Reales Beispiel

Nehmen wir ein reales Beispiel von einem Sicherheitsdienst. Ich selbst war Einsatzleiter bei dieser Veranstaltung. In einem Partyzelt mit 3000 Besucher Fassungsvermögen feiert ein Verein über das Wochenende sein 50-jähriges Jubiläum. Samstagabend spielt eine Partyband. Es ist 20 Uhr. Einlass Beginn. Die Security nimmt die Arbeit auf. Kontrolle der Gäste am Eingang. Es kommt ein Ehepaar mit dem Personal der Security ins Gespräch.

Ehepaar und Security sind bester Laune und sprechen und lachen miteinander. Man wünscht sich gegenseitig einen schönen Abend. 21 Uhr die Partyband beginnt. 22 Uhr wird die Security gerufen. Männlicher und gewalttätiger Gast im Zelt belästigt und schlägt andere Gäste. Wir gehen sofort zum “Tatort”. Und stellen fest, dass ist doch der nette Herr von vorher am Eingang?

Jetzt ist er genau das Gegenteil. Er ist aggressiv. Hat seine Frau und andere Gäste geschlagen. Und er beleidigt seine Frau lautstark auf das Übelste. Seine Frau wollte ihn eigentlich beruhigen. Stattdessen schlägt er immer wieder auf seine Ehefrau ein. Die Security geht dazwischen.


Was ist passiert?

Es könnte sein, dass der Mann ein Alkoholproblem hat. Ich möchte hier auch mit einem Missverständnis aufräumen. Ich höre immer wieder, einen Alkoholiker erkennt man sofort. Das ist falsch. Alkoholiker erkennt man nicht immer sofort. Alkoholiker ist man auch nicht erst wenn ich stinke und verwahrlost bin und pro Tag zwei Kisten Bier eine Flasche Wodka trinke. Alkoholabhängig kann ich schon viel früher sein. Das erkennt man dann nicht am Aussehen. Sondern an der Verhaltensweise. Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich über Jahre.

Das Problem was wir in unserer westlichen Kultur haben ist, dass die Toleranz der Alkoholmenge die wir in unserer Gesellschaft akzeptieren, schon im gefährlichen und manchmal auch schädlichen Bereich ist. Trinkt jemand 3-4 Bierchen jeden Tag, bewegen wir uns schon im schädlichen Bereich des Alkohols. Bei Frauen ist es noch früher. Das heißt, der Körper entwickelt nicht nur körperliche, sondern vor allem auch psychische Schäden. Und das könnte in diesem Fall sein. Dass der Alkohol bei diesem Mann plötzlich diese psychischen Schäden tatsächlich auslöst. Das zeigt sich durch extreme Stimmungsschwankungen und durch ein extrem aggressives Verhalten. Denn das sind Begleiterscheinungen von einem Alkoholproblem.


Warum beleidigt der Ehemann seine Frau?

Wir müssen wissen, hat jemand ein Alkoholproblem, ist eine Begleiterscheinung oft eine verstärkte Eifersucht. Läuft es ganz schlecht, kommt noch eine weitere Begleiterscheinung dazu. Denn oft entwickeln Menschen, die ein Alkoholproblem haben (nicht erst “Vollalkoholiker”), auch eine Depression. Oft befinden sich diese Menschen in einer Depression. Wissen aber selbst nicht, dass sie Depressionen haben. Depression geht oft einher mit einem Alkoholproblem. Aus dieser Kombination entwickelt sich die Depression. Und diese kann die Eifersucht sowie das aggressive Verhalten und alles weitere noch einmal verstärken. Das könnte in unserem Fall vorliegen.


Verlust der Realität

Es kann sein, das Ehepaar spricht und redet miteinander. Ein anderer Herr möchte an dem Ehepaar vorbei um an die Bar zu gelangen. Gedankenverloren und ohne Hintergedanken schaut der vorbeigehende Mann die Frau des Ehemannes beim vorbeigehen an. Jetzt kann sich folgendes im Kopf des Ehemannes abspielen. Sollte der Ehemann die Nebenerscheinungen des Alkoholmissbrauchs, Depressionen, Aggressionen, Eifersucht haben, spielen sich Gedanken in seinem Kopf ab, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben.

Er kann aber nicht mehr unterscheiden, was ist Vorstellung? Was Realität? Der Ehemann sieht nur, wie ein fremder Mann seine Frau anschaut. In seinem Kopf spielen sich plötzlich Gedanken ab, “so wie der meine Frau anschaut, haben die etwas miteinander”. Das sagt er seiner Frau. Diese fällt aus allen Wolken und sagt, “Hallo, den kenne ich überhaupt nicht warum. Warum sagst du sowas?”.

Hier hat die Frau bereits verloren. Diskutieren bringt nichts mehr. Weil der Ehemann die Realität nicht mehr wahrnimmt. Dadurch dass sie sagt, ich habe nichts mit diesem Mann, wird der Ehemann noch wütender. Weil der Alkoholmissbrauch genau das bewirkt. Dieses extrem aggressive Verhalten und diese extremen Stimmungsschwankungen. In seinem Kopf spielt sich etwas ab, was mit der Realität nichts mehr zu tun hat.


Was können wir im Kundenkontakt nun machen?

Ich bin ehrlich. Es wahnsinnig schwierig. Wer so etwas schon einmal miterlebt hat, weiß, eine Deeskalation ist wahnsinnig schwierig. Weil, wie erklärt, der Mann befindet sich in seiner eigenen Welt. Der möchte das nicht hören was wir zu sagen haben. Trennen wir ihn von seiner Frau, wird er sich aller Voraussicht nach ein anderes Feindbild suchen. Und das sind dann die Menschen, die versuchen, die Situation zu deeskalieren. In unserem Fall waren es meine beiden Kollegen.

Meine Empfehlung wäre (so lösten wir die Situation), im Team diesen Mann zu trennen, nach außen zu bringen und schnellstmöglich die Polizei zu verständigen. Denn in der Regel läuft sowas nicht ohne Gewalt ab (was es auch nicht tat). Der Ehemann wird sich evtl. kurzzeitig beruhigen. Er wird vielleicht auch zu weinen beginnen. Aber sagt jemand nur etwas falsches, ändert sich die Stimmung innerhalb von einer Sekunde von friedlich zu aggressiv.

Das sind schwierige Situationen, die ich seit Jahrzehnten beobachte. Und diese laufen in der Regel immer sehr ähnlich ab. Sobald wir im Kundenkontakt mit Menschen zu tun haben, die ein Alkoholproblem haben, gelten andere Gesetze und Regeln, als bei nüchternen Menschen. Deshalb ist es wichtig, dass wir verstehen, dass Menschen unter Alkoholeinfluss, oder mit einem Alkoholproblem, anders zu betrachten sind. Zu unserer eigenen Sicherheit.