Narzissmus und das Böse - Narzissmus bösartig?


Narzissmus und das Böse - Narzissmus bösartig?

Scott Peck argumentiert in seinem Bestseller The Lie People, dass Narzissten böse sind. Sind sie es? Im Zeitalter des moralischen Relativismus ist der Begriff des „Bösen“ schlüpfrig und mehrdeutig. Der Oxford Companion to Philosophy (Oxford University Press, 1995) definiert es als: „Leiden, das aus moralisch falschen menschlichen Entscheidungen resultiert“.


Damit eine Person als böse gilt, muss sie folgende Voraussetzungen erfüllen:

1. Er kann und tut es bewusst zwischen (moralisch) richtig und falsch wählen, wobei er konsequent und konsequent letzteres bevorzugt;

 

2. Er handelt nach seiner Wahl, ohne Rücksicht auf die Folgen für sich und andere.


Ein Narzisst unterscheidet richtig von falsch und falsch von richtig

Es ist klar, dass das Böse absichtlich getan werden muss. Francis Hutcheson und Joseph Butler argumentierten, dass das Böse ein Nebenprodukt der Verfolgung der eigenen Interessen oder Gründe auf Kosten anderer Interessen oder Gründe sei. Dies verfehlt jedoch das Schlüsselelement, fundierte Entscheidungen zwischen gleichermaßen wirksamen Alternativen zu treffen. Darüber hinaus verfolgen Menschen oft das Böse, selbst wenn es ihr Wohlergehen bedroht und ihre Interessen beeinträchtigt. Sadomasochisten genießen sogar diese Orgie der gegenseitigen Zerstörung.

 

Narzissten erfüllen beide Bedingungen nur teilweise. Ihr Böses ist nützlich. Sie sind nur dann böse, wenn ihr Böses für ein bestimmtes Ergebnis sorgt. Manchmal entscheiden sie sich bewusst für das, was moralisch falsch ist – aber nicht ausschließlich. Sie tun, was sie wollen, auch wenn es bedeutet, anderen Leid zuzufügen. Aber sie wählen das Böse nie vor den Konsequenzen. Sie handeln schlecht, weil es bequem ist – nicht, weil es „in ihrer Natur“ liegt.

 

Ein Narzisst unterscheidet richtig von falsch und falsch von richtig. Um seine Interessen und Ziele zu erreichen, beschließt er manchmal, schädliche Dinge zu tun. Da es Narzissten an Empathie mangelt, zeigen sie selten Reue. Weil er sich berechtigt fühlt, ist es für ihn selbstverständlich, andere auszunutzen. Ein Narzisst missbraucht andere spielerisch, beiläufig, als wäre es selbstverständlich.

 

Der Narzisst objektiviert Menschen und behandelt sie als Konsumgüter, die nach Gebrauch weggeworfen werden können. Wirklich, das an sich ist schlecht. Aber es ist das mechanische, gedankenlose und herzlose Gesicht des narzisstischen Missbrauchs – ohne menschliche Leidenschaften und vertraute Emotionen – das ihn so fremd, so beängstigend und abstoßend macht.

 

Wir stören uns oft weniger an den Handlungen des Narzissten als an seinem Verhalten. Da wir nicht über das Vokabular verfügen, um die subtilen Nuancen und Grade des Spektrums narzisstischer Verdorbenheit zu erfassen, verwenden wir vertraute Adjektive wie „gut“ und „schlecht“. Diese intellektuelle Trägheit wird diesem fatalen Phänomen und seinen Opfern nicht gerecht.


Warum fühlen wir uns vom Bösen und Verbrechern angezogen?

Eine gängige Erklärung ist, dass Böses und Kriminelles uns faszinieren, weil sie die unterdrückten, dunklen und bösen Anteile der Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Schurken stellen nach dieser Theorie unsere eigenen „Schatten“ dar und sind damit unsere antisozialen Alter Egos. Die Neigung zum Bösen ist eine Rebellion gegen soziale Beschränkungen und die lähmenden Fesseln des modernen Lebens. Es ist eine spöttische Synthese unseres Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Es ist ein kathartischer Exorzismus unserer inneren Dämonen.


Eine kurze Untersuchung dieser Geschichte enthüllt ihre Schwächen.

Das Böse gilt keineswegs als vertrautes, wenn auch verdrängtes Element unserer Psyche, sondern eher als mysteriös. Obwohl sie weit verbreitet sind, werden Schurken oft als "Monster" bezeichnet - abnormale, sogar übernatürliche Verirrungen. Hannah Arendt brauchte zwei lange Bücher, um uns daran zu erinnern, dass das Böse banal und bürokratisch ist, nicht teuflisch und allmächtig.

 

Böses und Magie sind in unseren Köpfen miteinander verwoben. Die Sünder scheinen an eine alternative Realität gebunden zu sein, in der die Gesetze der Menschheit außer Kraft gesetzt wurden. Sadismus, so beklagenswert er auch ist, ist auch bewundernswert, weil er ein Beweis für Nietzsches übermenschliche Zurückhaltung, persönliche Stärke und Ausdauer ist. Ein Herz aus Stein hält länger als sein fleischiges Gegenstück.

 

In der gesamten Menschheitsgeschichte wurden Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit und Empathie als Tugenden gepriesen und in gesellschaftlichen Institutionen wie Militär und Gerichten verstärkt. Die Doktrin des Sozialdarwinismus und der Aufstieg und Fall des moralischen Relativismus setzten dem ethischen Absolutismus ein Ende. Die dicke Grenze zwischen Gut und Böse wurde dünner und verwischter und verschwand manchmal sogar.


Das Böse nur noch Unterhaltung und Entertainment?

Das Böse ist heute nur noch Unterhaltung, eine Art Pornografie, eine fröhliche Kunst. Bösewichte beleben unser Grübeln, bringen Farbe in unseren tristen Alltag und schrecken uns vor einem dunklen Dasein und seinen düsteren Begleiterscheinungen ab. Es ist ein bisschen wie kollektive Selbstverletzung. Selbstmörder sagen, dass sie sich lebendig und wach fühlen, wenn sie sich mit einer Rasierklinge ins Fleisch schneiden. In unserem synthetischen Universum erlauben uns das Böse und der Schrecken, mit dem echten, rohen, schmerzhaften Leben in Kontakt zu treten.

 

Je höher die Schwelle unserer Sensibilität, desto tiefer fasziniert uns das Böse. Wie die Stimulanziensüchtigen, die wir sind, erhöhen wir die Dosis und konsumieren mehr Geschichten über das Böse, die Sünde und die Unmoral. Als Zuschauer bewahren wir unsere moralische Überlegenheit und Selbstgefälligkeit, selbst wenn wir in die kleinsten Details der abscheulichsten Verbrechen eintauchen.


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